Kino Xenix

Di, 22.09.2020 | 18:00 UHR
Kanzleistrasse 52 | Zürich

CHF 16
TICKET

Brasil: Novíssimo Cinema – September 2020

Monatsprogramm Kino Xenix

Das ganze Programm und alle Filme im Überblick: https://www.xenix.ch/programm/september-2020/

Wenn es nach Brasiliens aktuellem Präsidenten Jair Bolsonaro ginge, wären die Filme in diesem Monatsprogramm nicht einmal produziert worden. Dabei waren brasilianische Filme in den letzten Jahren erfolgreich an vielen internationalen Filmfestivals vertreten. Dies ist das Ergebnis einer ausgereiften staatlichen Förderungspolitik durch die nationale Filmagentur Ancine – neben viel Arbeit und Herzblut aller Beteiligten. Doch nachdem die Filmschaffenden im politischen Klima der letzten Jahre dazu aufgefordert worden sind, neue Wege zu gehen und andere Ästhetiken zu erforschen, gibt es heute eine starke Verunsicherung in der Industrie. Bolsonaros rechte Politik gefährdet die erfreuliche Entwicklung.

Bereits während der Demonstrationen zur Amtsenthebung der vorherigen Präsidentin Dilma Rousseff (THE TRIAL von Maria Ramos führt uns durch die Tage des Prozesses) zeichnete sich eine Polarisierung ab. Eine Metallwand trennte die Esplanada dos Ministérios in Brasília in zwei Hälften. Sie wurde installiert, um die Sicherheit der Demonstrierenden für und gegen die Regierung zu gewährleisten. Die Teilung vor dem Nationalkongress symbolisierte deutlich die ideologische Spaltung des Landes.

Um das brasilianische Kino zu begreifen, muss auch die Herkunft der Bevölkerung Brasiliens verstanden werden. Von den rund 211 Millionen Menschen sind 45  Prozent weiss, 45 Prozent braun, 9 Prozent schwarz und 1 Prozent indigen. Diese multikulturelle Zusammensetzung ist einzigartig. Bevor jedoch die Idee einer spezifisch brasilianischen Identität entstand, galt das rein europäische Ideal der weissen und gut ausgebildeten Elite. Doch dann legte die modernistische Avantgardebewegung eine wichtige Basis für das brasilianische Selbstverständnis. Die Grundidee im «Anthropophagischen Manifest» von 1928 gilt dem Konzept des kulturellen Kannibalismus: So wie die indigene Bevölkerung Brasiliens früher glaubte, dass sie durch das Essen eines Menschen seine Kräfte erwerbe, so beinhaltet die Anthropophagie die Idee, das Fremde zu verdauen und so durch das Verschlingen der andersartigen Kultur ein neues Selbstbild zu gewinnen. Eines, das durch und durch brasilianisch ist.

Diese Vielfalt widerspiegelt sich im aktuellen brasilianischen Kino, seinen Figuren, Bildern und Geschichten so stark wie niemals zuvor: Beispielsweise sind Indigene in diesem Filmprogramm vertreten, zu einer Zeit, in der die Verkleinerung ihres Landes stark vorangetrieben wird, um es für die Rodung des Regenwaldes zu vermarkten. Sowohl Maya Da-Rins A FEBRE (THE FEVER) als auch CHUVA É CANTORIA NA ALDEIA DOS MORTOS (THE DEAD AND THE OTHERS) von Renée Nader Messora und João Salaviza zeichnen einfühlsame und ästhetisch pointierte Porträts indigener Menschen und zeigen auf, wie sie sich in das Universum der Weissen einfügen.

Auch schwarze Filmschaffende sind heute besser vertreten als zuvor. André Novais Oliveira gründete 2009 mit Freunden die Produktionsfirma Filmes de Plástico im Bundesstaat Minas Gerais. Die vielen Filme des Kollektivs, darunter TEMPORADA (LONG WAY HOME), bringen diejenigen Menschen ans Licht, die normalerweise aus der Filmgeschichte gelöscht werden. Im Fall von TEMPORADA ist es eine schwarze Frau um die dreissig, die in einer Gruppe von staatlich beauftragten Kammerjägern sozialen Anschluss findet. Viele der Schauspielerinnen und Schauspieler sind mit Novais befreundet und wohnen im Viertel, in dem die Dreharbeiten stattfanden. Die Dezentralisierung der Filmproduktion weg von Rio de Janeiro und São Paulo war eine weitere positive Folge der guten staatlichen Förderpolitik. Durch die lokale Verankerung der Filme wird die brasilianische Lebensrealität ohne Klischees und Stereotype sichtbar.

Anna Muylaert zeigt in THE SECOND MOTHER (QUE HORAS ELA VOLTA?) die Machtverhältnisse und Privilegien der Mittelschicht: Val «gehört beinahe zur Familie», für die sie als Haushälterin arbeitet. Als plötzlich ihre zurückgelassene Tochter in der Stadt studieren will und zur Mutter zieht, begrüssen Vals Hausherren sie mit offenen Armen, doch ihr forderndes Verhalten erzeugt Spannungen im Haus. Neben der Entfremdung von der eigenen Tochter zeigt der Film auf präzise und humorvolle Weise die ungeschriebenen Regeln der Klassenbeziehungen auf. Auch AS BOAS MANEIRAS (GUTE MANIEREN) beleuchtet die Beziehung zwischen einer weissen Arbeitgeberin und ihrer schwarzen Bediensteten. Dafür vermischt das Regie-Duo Juliana Rojas und Marco Dutra gekonnt und unverfroren verschiedene Genres, baut Sequenzen von rein visuellem Vergnügen ein und ermöglicht ein wörtlich anthropophagisches Eintauchen in diesen zeitgenössischen brasilianischen Film.

«Querência» bezeichnet den Ort, an dem Rinder weiden oder sich während des Rodeos aufhalten. Der gleichnamige Film von Helvécio Marins Jr. basiert auf einem realen Viehdiebstahl in Minas Gerais, der den Hauptdarsteller Marcelo traumatisiert hat. Die kontemplative und dokumentarische Kamera zeigt Marcelos Alltag und seine Melancholie. Alle Rollen in QUERENCIA (HEIMKEHREN) werden von Freunden des Regisseurs gespielt, der die Landmenschen ohne Stereotype und mit grosser Sensibilität porträtiert. Der ebenfalls auf dem Land spielende und letztes Jahr besonders aufgefallene Cannes-Preisträger BACURAU ist so aktuell, dass seine Regisseure von der Regierung attackiert werden, auch wenn der Film schon lange vor der rechten Machtübernahme angedacht war. Kleber Mendonça Filho und Juliano Dornelles begannen ihren brasilianischen Sensations-Western aus einem abstrakten Gefühl, einer Vorahnung heraus, die sich in der politischen Situation allmählich in reale Angst verwandelte. BACURAU ist ein antiimperialistischer Film, der in einem typisch brasilianischen Dorf spielt. Der Film macht Gebrauch von genre-spezifischen Mitteln, die es erlauben, über Gemeinschaften und Menschen zu sprechen, ohne einen offen sozialkritischen Film zu realisieren.

Während der Militärdiktatur, die von 1964 bis 1985 andauerte, wurden Schimpfwörter, Sexszenen und aussereheliche Beziehungen im Film generell zensuriert. Dies zwang die Filmschaffenden, neue Mechanismen und Bildsprachen zu entwickeln, um die Zensur zu umgehen. MARIGHELLA von Wagner Moura basiert auf einer Biografie von Carlos Marighella, der als Feind Nummer eins gegen die Diktatur kämpfte. Aktuell brisant ist die Tatsache, dass der Film eine deutliche Kritik an der Diktatur übt, die Bolsonaro heute noch als Revolution bezeichnet. In den Augen des Präsidenten wirkt es so, als handle es sich nicht um einen Film, sondern als wäre Marighella selbst auferstanden. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen.

Im Jahr 2018 wurde Jair Messias Bolsonaro mit mehr als 55 Prozent der Stimmen zum Präsidenten Brasiliens gewählt. Sein Wahlkampfmotto lautete «Brasilien über alles, Gott über allem». Die Dystopie DIVINO AMOR von Gabriel Mascaro spielt im Jahr 2027 und erzählt von einem Land, das von religiösem Fanatismus geprägt ist.

Einmal gewählt, äusserte Bolsonaro seine Absicht, die Förderagentur Ancine mit «Filtern» zu versehen, um das «Niveau» der Produktionen zu erhöhen. Noch klarer war er bei LGBT-Produktionen: «Es hat keinen Sinn, Filme über diese Themen zu realisieren. Es ist weggeworfenes Geld.» Um das traditionelle Familienbild intakt zu halten, wird Gewalt gegen Gruppen, die von dieser Norm abweichen, akzeptiert und gefördert. Das resultiert in der höchsten Mordrate von Trans-Personen weltweit. Im Jahr 2019 forderte die Transphobie in Brasilien 124 Opfer, was ein Todesopfer alle drei Tage bedeutet. Im Dokfilm BIXA TRAVESTY (TRANNY FAG) von Kiko Goifman und Claudia Priscilla verwendet die charismatische Sängerin und Transfrau Linn da Quebrada ihren 
Körper und ihre Musik für den politischen Widerstand und fordert damit ihr Recht auf Existenz. Auch im starken, melodramatischen THE INVISIBLE LIFE OF EURIDICE GUSMAO geht es um unterdrückte Verwirklichung, hier im biederen, portugiesisch geprägten Milieu von Rio Janeiro in den Fünfzigerjahren. Zwei Schwestern werden auf manipulative Weise getrennt und daran gehindert, die Träume zu leben, die sie als Teenager gemeinsam gehegt hatten. Obwohl der Film als Vertreter Brasiliens bei der Nominierung für den Oscar für den besten internationalen Film gewählt wurde, wurde die interne Präsentation bei Ancine abgesagt. Als Grund nannte man einen defekten Beamer.

Letztes Jahr wurde dem Fonds für den audiovisuellen Sektor (FSA), der die Industrie mit umgerechnet über 130 Millionen Franken pro Jahr speist, der Geldhahn zugedreht. Dadurch kam die Produktion von 400 Filmen und TV-Serien zum Stillstand.

Allein im ersten Quartal des Jahres 2020 wurden 34 Filme auf den Festivals von Sundance, Rotterdam und Berlin gezeigt, ein historischer Moment für das brasilianische Kino. Aber die Regierung versteht es nicht als Anerkennung der Qualität. Ihr ist ausschliesslich wichtig, dass ihre Moral und gute Sitten in der Fiktion und dadurch im Leben gewahrt werden. Es bleibt zu hoffen, dass sich die brasilianischen Filmemacherinnen und -macher weiterhin nicht 
zum Schweigen bringen lassen. (Humberto Moureira)

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