Filmpodium

Mo, 10.06.2019 |
Nüschelerstrasse 11 | Zürich

L'enfant sauvage

François Truffaut

François Truffaut
Man darf von François Truffaut sagen, was er als junger Filmkritiker über George Cukor, einen Bruder im Geiste, schrieb: Von fünf seiner Filme ist einer ein Meisterwerk, drei sind sehr gut und der fünfte ist bestimmt interessant. Ebenso Mitbegründer der Nouvelle Vague wie Erbe von Jean Renoir und Jünger von Alfred Hitchcock, hat Truffaut ein Werk geschaffen, das vital und vielfältig ist und das oft von starken Frauenfiguren dominiert wird, denen die Männer zu Füssen liegen oder zum Opfer fallen.

Drama nach Tatsachen. 1798 wird in einem französischen Wald ein verwildertes Kind gefunden, das nicht sprechen kann. Dr. Jean Itard vom Taubstummeninstitut in Paris nimmt den Wolfsjungen unter seine Fittiche und versucht ihn in die Zivilisation zu integrieren.
«L’enfant sauvage handelt von Erziehung im fundamentalsten Sinne: von Erziehung als dem Verfahren, mit dem die Gesellschaft jedes Jahr Millionen buchstäblich wilder Kleinkinder nimmt und sie allmählich dazu verführt, die Konventionen aller anderen zu teilen. Freilich stellt sich die Frage, ob ‹Zivilisierung› dem Menschen bekommt oder ob er im Naturzustand glücklicher wäre. In dieser Frage wurzelt der Film. Da der Junge nie ‹normal› in der Gesellschaft funktionieren kann, hätte man ihn im Wald lassen sollen? Das ist eine Frage für uns, in dieser unsicheren Zeit, nicht aber für den Doktor, der den vernunftgemässen Optimismus eines Jefferson teilt und den Wert seiner Bemühungen nie ernsthaft hinterfragt. Er glaubt an die Menschenwürde und verabscheut die Vorstellung, dass ein Mensch im Wald ergattert, was er kann, um zu überleben.
Truffaut verleiht jedem Bild des Films seine persönliche Note. Er hat ihn geschrieben, inszeniert und spielt selbst den Doktor. Es ist eine dezente, einfühlsame Darbietung, ein perfekter Kontrapunkt zu Jean-Pierre Cargols Wildheit und Angst. Die laufende Chronik der Versuche des Doktors, dem Jungen beizubringen, wie man aufrecht geht, sich ankleidet, anständig isst, Töne und Zeichen erkennt, ist endlos faszinierend. Allzu oft fesseln Filme unsere Aufmerksamkeit mithilfe von knalligen Tricks und billiger Melodramatik; es ist eine geistig läuternde Erfahrung, sich diesen intelligenten und hoffnungsvollen Film anzusehen.» (Roger Ebert, Chicago Sun-Times, 16.10.1970)

L'enfant sauvage / 83 / sw / 35 mm / F/d
Regie: François Truffaut
Drehbuch: François Truffaut, Jean Gruault
Autor: Dr. Jean Itard
Kamera: Néstor Almendros
Musik: Antonio Vivaldi
Schnitt: Agnès Guillemot
Besetzung: Jean-Pierre Cargol (Victor de l'Aveyron), François Truffaut (Dr. Jean Itard), Françoise Seigner (Madame Guérin), Jean Dasté (Prof. Philippe Pinel), Pierre Fabre (Pfleger im Institut)

Schweizer Filmwochenschau 1970 / 10 / sw / Digital HD / D/Dialekt

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Filmpodium


Adresse:

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8001 Zürich
Kasse +41 (0)44 211 66 66
Büro +41 (0)44 412 31 28
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Die Vorführung des Films in Paris wurde durch rechtsextreme Krawallmacher gestört; der Polizeipräfekt Chiappe nahm dies zum Vorwand, den Film zu verbieten. Erst 1981 wurde L’âge d’or in Frankreich freigegeben.
Die 4K-Restaurierung wurde von der Cinémathèque française und dem Centre Pompidou, MNAM-CCI/Service du cinéma expérimental, mit Unterstützung von Pathé und Maison de Champagne Piper-Heidsieck, Sponsoren der Cinémathèque française, durchgeführt. Die Arbeiten am Bild wurden im Hiventy-Labor, die am Ton im L.E. Diapason-Studio unter Verwendung der originalen Nitratbild- und Tonnegative und von Sicherungselementen durchgeführt.
Das ursprüngliche Nitratbildnegativ wurde durch Immersion gescannt und das Tonnegativ wurde unter Berücksichtigung des noch unvollkommenen Nachsynchronisationssystems von 1930 wiederhergestellt. Eine damalige Vorführkopie wurde als Referenz für die Lichtbestimmung verwendet. Die Fehler, wie sie bei den Dreharbeiten und der Postproduktion auftreten, wurden bewusst erhalten. Einige der im Zerfall begriffene Einstellungen wurden durch Zwischenkopien aus der 1993 vom Centre Pompidou durchgeführten Analog-Restaurierung ersetzt. Ebenso ermöglichten es die Sicherungselemente, die fehlenden Rollen der Tonspur zu vervollständigen


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