Lyn Bentschik über Präsenz und Verletzlichkeit

Mit dem eigenen Körper Kunst schaffen – das tut Lyn Bentschik. In- und ausserhalb der Schweiz führt Lyn eigene Werke auf. Lyns Arbeiten wurden 2024 mit dem Förderpreis der Stadt Winterthur ausgezeichnet. Ich will von Lyn wissen, was ein solcher Preis verändert und was passiert, wenn der Körper zum Werkzeug wird.

Foto: Lea Reutimann
Foto: Lea Reutimann

Mit dem Körper zu arbeiten, bedeutet, dass in den Körper investiert werden muss – Unterhaltskosten sozusagen. Weil zugesprochene Fördergelder oder Gagen immer an spezifische Projekte gebunden sind, beinhalten sie kein Geld für ein Atelier, für Ferien, Zeit für neue kreative Ideen oder Kinderbetreuung. In den genau berechneten Budgets ist kein Platz für Erholung. Der von Lyn gewonnene Förderpreis der Stadt Winterthur ist eine Rarität: «Sonst hat man das nicht, dass man Geld für sich und seine Arbeit bekommt, welches man nicht rechtfertigen muss oder für etwas Spezifisches angefragt hat – ein riesiger Luxus!» Das zugesprochene Geld bedeutet, dass sich Lyn für all das, was zu dieser Arbeit mit dem Körper gehört und sonst nicht entlöhnt wird, bezahlen kann. Kunst wird häufig als etwas Kreatives und weniger als körperliche Arbeit gesehen. Für Lyns Arbeit ist es jedoch essenziell, gesamtheitlich auf den Körper zu achten, auch wenn dies nicht als Teil der Arbeit gelesen wird. «Die Unterhaltskosten sind da, ich muss mir die einfach leisten, sonst kann ich nicht arbeiten mit meinem Instrument. Wenn es meinem Körper schlecht geht, kann ich auch keine gute Kunst machen.» 


Zu einem gewissen Grad sind alle Performer:innen oder generell professionelle Sportler:innen abhängig vom Körper. Er muss das machen, was erwartet wird, daran hängt die Karriere und die ganze Lebensgrundlage. Da ist oft die Angst, dass er irgendwann nicht mehr funktionieren könnte. Als ich frage, ob Lyn solche Ängste hat, kriege ich eine Gegenfrage als Antwort: Was heisst funktionieren? Mit der uns prägenden westlichen Vorstellung einer Zweiteilung zwischen Körper und Geist kommt der Anspruch der Domestizierung einher; der wilde Körper muss vom Geist gezähmt werden: «Man muss dem Körper Tanzschritte beibringen, man muss den Körper in das Ideal hineindrücken, er muss schlank sein, er muss schön sein, er muss nicht behaart sein.» Aber es gibt ganz viele andere Formen, wie man tanzen, sich bewegen und mit dem Körper sein kann. Lyns Anliegen ist es, dass sich Wertungen auflösen. Wie viel könnten wir lernen, wenn wir nicht fragen würden, was der Körper leisten kann, sondern wie er sich anfühlt und was er braucht? Mit dem, was ist, da sein und das kreative Potenzial hinter Veränderungen sehen. «Ich plädiere fest dafür, dass nicht die einen Körper gut und die anderen schlecht sind. Ich würde mir wünschen, dass wir alle unseren eigenen, aber auch anderen Körpern, die ein bisschen aus der Norm fallen, mit weniger Angst und mehr Neugierde begegnen könnten», sagt Lyn. Und: «Wir können so viel von unseren Körpern lernen, wenn wir lernen würden, wie man zuhört und wie man sich selbst wahrnehmen kann. Der Körper ist eine reiche Welt, die sich ständig verändert – ein Buch, in dem jeden Tag neue Seiten geschrieben werden.» Wie spannend es doch wäre, dem Körper einfach zuzuhören?

 

Lyn Bentschik live erleben: 

27.02.2026 Dance your Pain, Wild Card Pain Edition, Tanzhaus Zürich
14.03.2026 Collective Rhythms of Pain, Sharing, DOGO Lichtensteig 
12.04.2026 Dance your Pain, Wild Card Pain Edition, Dampfzentrale Bern
07.05.2026 Dance your Pain, Festival Zürich Tanzt, Tanzhaus Zürich
09.05.2026 Dance your Pain, Festival Zürich Tanzt, Gessnerallee Zürich
10.05.2026 Workshop Dance your Pain, Tanzfest St. Gallen

lynbentschik.com

Foto: Lea Reutimann
Foto: Lea Reutimann

Von Coucou Kulturmagazin am 19. Februar 2026 veröffentlicht.

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