Das Rauschen des Windes in den Kiefern

Seit zwanzig Jahren wird im Museum Rietberg das japanische Ritual des Teetrinkens praktiziert. Ein Besuch im winterlichen Park. 

Mit dem letzten Glockenschlag bleibt der Schmutz des Alltags symbolisch zurück. Sieben Paar Schuhe stehen fein säuberlich auf einem Holzrost, ganz so, wie von Meister Christoph Meier angeleitet. Wären wir in Japan, würde die Einladung zur Teezeremonie persönlich erfolgen – im kleinen Kreis und sehr exklusiv. Es gäbe einen Kimono und weisse Söckchen, Fächer, Servietten, Tücher und ein kleines Messerchen zum Zerteilen der Süssigkeiten. 

Hier, im dunklen Park des Museums Rietbergs in Zürich, steht das Ritual allen offen: In kleinen Gruppen, aber nicht minder beeindruckend. In den mächtigen Bäumen hängen letzte Blätter. In Ahorn, Süsskirsche und den Magnolien, wo dicke Knollen bereits auf den nächsten Frühling warten. Uns erwartet drinnen im Dachgeschoss des Museums der japanische Teeraum «Isshin-an», wo seit über zwanzig Jahren regelmässig Teezeremonien stattfinden. Die Elemente für das Häuschen im Haus wurden in Japan von Hand gefertigt und von eigens angereisten Handwerkern nach altem Wissen zusammengebaut. 

Es riecht ein bisschen nach dem Stroh, aus dem die Tatami-Matten geflochten sind, auf denen traditionell im Fersensitz ausgeharrt wird. Eine Tätigkeit, die sich im Laufe der Zeremonie als die herausfordernste entpuppen wird. Die Schiebetüren ruckeln leicht, als Zeremonienmeister Meier sie zuzieht, es ist dämmrig im Raum, irgendwo rauscht der Teekessel und klingt ein wenig wie Wind, der durch Kiefern streift. Erwartungsvolle Stille breitet sich im Raum aus, nur gelegentlich wechselt jemand die Sitzposition vom Schneidersitz auf die Fersen und zurück. 

Der Einfachheit kommt in Japan eine besondere Stellung zu. Und man könnte sagen, in ihrer schönsten Form tritt sie in der Perfektion hervor, die sich beim Zubereiten des Tees während einer Zeremonie zeigt. Geleitet vom Gedanken, dass sich Gastgeber und Gäste vielleicht nur dieses einzige Mal zusammenkommen. Umso wichtiger ist die Choreografie des Rituals, dieses kann eine Stunde dauern, oder mehrere. Es können weitere Speisen gereicht werden, oder auch nur einige Süssigkeiten. Aber natürlich geht es in allererster Linie um Tee. Dieser wird nach strenger Rezeptur zubereitet, wobei die Temperatur entscheidend ist. 

Mit exakten Bewegungen schöpft der Zeremonienmeister mit einer Bambuskelle heisses Wasser aus dem rauschenden Kessel, der im Boden verborgen ist. Anschliessend kommt giesst er es in eine Schale mit geriebenem Grüntee, auch unter dem Namen Matcha bekannt, bevor alles mit einem kleinen Handbesen schaumig geschlagen wird. 

Was dann folgt, wird sich in der kommenden Stunde noch sechs Mal in exakt gleichem Ablauf wiederholen. «Bitte geniessen sie als erster Gast eine Süssigkeit», sagt der Teemeister, nachdem er die Schale mit Tee gereicht hat und lässt ein kleines Tablet folgen. «Wagashi», wie die süsse Beilage zum Tee auch genannt wird, gleicht die bitteren Elemente des Grüntees aus und wurde eigens in Tokyo in einer traditionellen Manufaktur gefertigt. Immer wieder verneigen sich beide. Auf die Frage, ob die Verbeugung richtig gemacht werde, lacht der Teemeister: «Wenn es von Herzen kommt, dann reicht das schon.» 

Die Füsse kribbeln, während der erste Gast an der Süssigkeit knuspert und ich ausrechne, wie lange es wohl dauern würde, bis alle sieben dran waren. Doch mit der Zeit verwischen die gleichmässigen, beinahe meditativen Bewegungen des Teemeisters diese Gedanken. Ruhe breitet sich aus, aufgehoben in der festen Vorhersehbarkeit der Wiederholungen, die sich um einen legen, wie die Wände des Teehauses. 

Irgendwann reicht der Zeremonienmeister auch mir ein schwarzes Tablet. Auf einem Papierchen sieht die viereckige Süssigkeit beinahe glasig aus. Feines Glas zum Essen aus Apricot mit Goldflittern, das im Halbdunkel fast bernsteinfarben schimmert. Schweigend verneige ich mich und koste. Auf dem Tee knistert der Schaum und die Süssigkeit beim Reinbeissen. Ich kaue langsam und bedächtig. Der Geschmack von kristallzuckrigen Mandarinen breitet sich aus, von Blüten und Bergamotte und vervollständigt sich im Abgang mit dem schaumigen Grüntee. 

Öffentliche Teezeremonien finden in regelmässigen Abständen statt. Bei der After-Work-Teezeremonie klingt der Arbeitstag bei herzhaften Amuse-Bouches in Ruhe aus.  

© Museum Rietberg

Museum Rietberg Zürich

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