Hauptsache gesund

Schon meine Grossmutter sagte: Hauptsache gesund. Ich winkte ab. Heute denke ich: Da ist was dran und fahre gespannt zur neuen Ausstellung im Lenzburger Stapferhaus.

Das Stapferhaus ist der grosse schwarze Bau direkt am Bahnhof. Es bietet immer eine Ausstellung pro Jahr, manchmal laufen sie länger. Dementsprechend aufwändig sind sie. Von einem Projekt zum anderen wird das Haus komplett umgebaut. Module und variable Elemente machen es möglich.

Die Vorbesichtigung der neuen Ausstellung beginnt in einem Wartezimmer, was ich eine ziemlich gute Idee finde. Denn unsere gesundheitlichen Probleme tragen wir mit uns herum und wenn wir davon genug haben, sitzen wir ja alle erst einmal – in einem Raum und warten.

Wir warten also brav wie beim richtigen Arztbesuch, dann werden wir aufgerufen und durch einen Gang geführt, der erzählt, was uns Menschen alles am Leben erhält. Unser Herz schlägt zum Beispiel bis zu 200.000-mal am Tag. Wir atmen im selben Zeitraum 11 Liter Luft. In uns arbeiten 650 Muskeln und 360 Gelenke. Und unser Kopf denkt täglich bis zu 80.000 Gedanken – wobei ich mich frage, wie man die zählen kann.

Unser Weg führt zur Diagnose. Das ist ein sehr grosser, sehr schwarzer Raum, an dessen Wänden etwa 5.000 Krankheiten aus einem Lehrbuch aufgelistet sind – das wohl mehr als 30.000 umfasst. Unser Körper ist offensichtlich sehr, sehr angreifbar.

Im Raum verstreut liegen diverse Lichtinseln mit einem Sessel oder einer Couch und einem Tisch, jede individuell gestaltet und wenn wir uns setzen, schauen wir auf einen grossen rechteckigen Bildschirm, auf dem uns eine Person gegenübersitzt und wenn wir zum Lautsprecher greifen, uns ihre Krankheitsgeschichte erzählt. Es sind eine Long-Covid-Patientin, eine junge Frau mit Angststörungen, eine ältere mit Muskelschwund, ein Alkoholiker, eine Gehörlose, die ihre Einschränkung nicht als Krankheit sieht – sie ist so geboren worden und kommt in ihrem Leben gut zurecht. Was mir imponiert und mich beeindruckt ist, dass sie alle gelernt haben, mit ihrer Krankheit umzugehen, ihr sogar positive Seiten abgewinnen: mehr Empathie, mehr Freude an kleinen Dingen, mehr Selbstbewusstsein durch die Erfolge im Kampf mit ihrer Einschränkung.

Von hier geht es mit dem Fahrstuhl nach oben zur Diagnose. Ich gebe zu, hier kann man sich verzetteln, denn die Gesundheit ist ein komplexes Thema. Es geht um Prophylaxe, Sport, Medikamente, Therapien, Statistiken zur Volksgesundheit, alles oft verbunden mit witzigen Ideen und vielen haptischen Elementen. Man kann Fahrrad fahren, rudern, wer ein Interview hören will, muss zuerst ein paar Klimmzüge machen. Es gibt Essboxen mit Smarties und Würmern und einen Operationssaal, Kinder bekommen einen kleinen roten Arztkoffer und wer genug geschaut, gelesen und ausprobiert hat, kann sich in Ruhezonen mit Komfortsitzen sanft durchschütteln lassen.

Der Rundgang hat für mich etwa zwei Stunde gedauert und trotzdem habe ich nicht alle Informationsangebote genutzt. Wie gesagt: Ein komplexes Thema. Mich interessiert am meisten die Prophylaxe und mache gerade gute Erfahrungen. Mein Arzt hat mir, weil ich schlecht schlafe, eine App verschrieben. Solche Hilfe zur Selbsthilfe gefällt mir – wie die Ausstellung selbst auch.

Hauptsache gesund.

Stapferhaus

Hauptsache gesund.

Gesundheit ist das grosse Versprechen unserer Zeit. Für sie tun wir fast alles. Wir tracken und trainieren, essen Superfood und Spurenelemente. Wir ...

Dauerausstellung

Fotos: Anita Affentranger

Von am 07. November 2024 veröffentlicht.

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