© Museum Rietberg

Zwischen Kult und Verbot

Das Museum Rietberg widmet sich dem Thema Bildverbot und zeigt in einer Schau, welche Strategien Islam und Christentum entwickelten.

Die menschliche Vorstellungskraft ist etwas Faszinierendes. Wir können uns Dinge vorstellen und abbilden, die es gar nicht «gibt» oder die wir nicht gesehen haben. Wie etwa Gott, der für das Unfassbare und Unbekannte schlechthin steht. Das Problem dabei: Eigentlich dürften wir dieses Unfassbare gar nicht darstellen. Zumindest gemäss dem Zweiten Gebot Mose, in dem es heisst: «Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.» Hier beginnen schon die Fragen, denn was das genau bedeuten soll, wird nicht auf Anhieb klar. Dieses Verbot, das Bildverbot eben, scheint überdies nicht zur Fülle von Kunst – auch religiöser – zu passen, die wir aus dem christlichen Kulturraum kennen. Was hat es also auf sich mit diesem Bildverbot? Ist diese Frage heute überhaupt relevant? Schliesslich leben wir ja in einer Zeit, die stark von Bildern dominiert wird. Trotzdem: Das Zensieren von Bildern geschieht auch heute. Zudem scheint sogar unsere bildgläubige Zeit Tabus zu kennen, was die Darstellung von sensiblen Inhalten betrifft. Und es steht bei der Flut an Bildererzeugnissen zuweilen auch die Frage im Raum, welchen Bildern wir noch trauen können. Das Thema des Bildes oder der Darstellbarkeit hat also keineswegs an Aktualität verloren.

Sobald wir beginnen, uns mit dem Bild auseinandersetzen, häufen sich die Fragen dazu. Wie handhaben dies andere Kulturen und Religionen? Obwohl wir in einer globalisierten Welt leben, ist das Unwissen über andere Kulturkreise und ihre Sitten gross. Häufig beherrschen Klischeevorstellungen und Vorurteile unsere Wahrnehmung. Das Fremde kann auch Angst machen, das kennen wir alle. Genau mit solchen Vorstellungen möchte eine Ausstellung im Museum Rietberg aufräumen. «Im Namen des Bildes: Das Bild zwischen Kult und Verbot in Islam und Christentum» tut dies ganz bewusst mit einer kulturvergleichenden Annäherung. Die Schau richtet den Blick auf diese komplexe Thematik, indem sie verschiedene Artefakte sprechen lässt. Anhand von 130 Objekten, die aus einer Spannweite von zehn Jahrhunderten stammen, werden auch Laien an das Bildverbot in zwei zentralen monotheistischen Religionen herangeführt. Dabei erfahren wir beispielweise, dass man im Koran gar kein Bildverbot findet. Figürliche Darstellungen sind allerdings in Moscheen keine zu finden. Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Oder warum kam es im Christentum wiederholt zu Bilderstürmen? Kult und Ablehnung des Bildes können nicht in Schwarz-Weiss-Mustern gedacht werden. Vielmehr führt die Schau anhand von Gegenständen und Kunstwerken die Vielfalt an Grautönen vor.

Dank einer klaren und gleichzeitig offenen Ausstellungs-Szenografie wird unsere Neugierde geweckt. Dass die Inszenierung der Exponate so ernst genommen wird, ist richtig. Schliesslich sind wir über Social Media mittlerweile alle zu Inszenierungs-Spezialist:innen geworden. Wir tauchen gleich beim Betreten der Ausstellungsräume in eine Umgebung ein, die uns mitnimmt auf eine anregende Reise durch Gedanken und ihre physischen Ausdrucksformen. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit sind universelle Themen, die auch in unserer vermeintlich aufgeklärten Epoche polarisieren können.

Dass man Gott nicht sehen kann, scheint zunächst logisch. Aber wie steht es um die Erfahrung? Auch banale Gefühle wie die Liebe sind ja nicht sichtbar. Sind wir einer geliebten Person näher, wenn wir ein Foto von ihr bei uns tragen? Kann ein Bild etwas ersetzen? Wir haben offenbar das Bedürfnis, das Abwesende greif- und erfahrbar zu machen. Dafür findet der Mensch Umwege, er entwickelt etwa Symbole, die stellvertretend für etwas stehen. So kann die Darstellung der Sandale Mohammeds zum Platzhalter werden (siehe Bild unten). Oder die islamische Kalligrafie: Sie ist gleichsam die Verkörperung der heiligen Worte (siehe Bild unten). Das Ikonenbild oder die Reliquie sind andere Strategien der Repräsentation. Was sich durch die unterschiedlichen Objekte der Ausstellung offenbart, ist nichts Entrücktes, es ist auch Teil unserer Alltagskulturen.

Vermittlungsprogramm

Die kulturvergleichende Gegenüberstellung: Das Mandylion (links) und die Hilye (rechts) dienen den Gläubigen dazu, sich das Aussehen und damit die Präsenz von Jesus beziehungsweise Muhammad zu vergegenwärtigen. © Ikonen-Museum Recklinghausen (l.) und Chester Beatty Library, Dublin (r.)
Gesichtlose Sultanporträts. Aus einem Exemplar des «Tercüme-i miftāḥ-ı cifrüʾl-cāmiʿ», Istanbul. © Chester Beatty Library, Dublin
«Die Sandale Muhammads», aus einem Exemplar des «Dalāʾil al-khayrāt», Nordafrika. © Chester Beatty Library, Dublin
Titelgebendes Bild: «Szene in einer Moschee», aus dem «Fālnāma» von Schah Tahmasp I., Iran, 1550/1560. © MAH Musée d’art, et d’histoire, Ville de Genève, Legs Jean Pozzi

Von Susanna Koeberle am 15. Februar 2022 veröffentlicht.

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